Cornelia Löhmer
Progressive Muskelentspannung
nach Edmund Jacobson
Eine Einführung
Inhalt
I. Die Theorie der Progressiven Muskelentspannung (PME)
II. Die Praxis der Progressiven Muskelentspannung – das
Grundverfahren
III. Die Kurzformen der Progressiven Muskelentspannung
IV. Das Vergegenwärtigungsverfahren der Progressiven
Muskelentspannung
V. Literatur zur Progressiven Muskelentspannung
VI. Weiterführende Informationen
I. Die Theorie der Progressiven Muskelentspannung (PME)
Die Progressive Muskelentspannung wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts
von dem
amerikanischen Arzt und Physiologen Edmund Jacobsen (1885 - 1976) entwickelt.
In den Laboratorien der Harvard-Universität begann Jacobson 1908 mit
seinen Studien zur Progressiven Muskelentspannung. Nach 20jähriger Forschungstätigkeit
veröffentlichte er 1929 sein erstes Buch, das sich an Ärzte wandte.
Man schlug Jacobson daraufhin vor, Ideen auch für Nicht-Fachleute zu
formulieren. Jacobson griff diesen Vorschlag auf und schrieb 1934 das Buch
"You Must Relax", das jedoch erst 1990 auch in deutscher Sprache
unter dem Titel "Entspannung als Therapie. Progressive
Relaxation in Theorie und Praxis" erschienen ist.
Das ursprüngliche Verfahren von Jacobson
ist sehr zeitaufwendig, da er ein sehr detailliertes Üben empfahl, das
auch kleine Muskelgruppen einbezieht. Zudem war das Verfahren unübersichtlich
und Übende
hatten Schwierigkeiten, sich die Vielzahl der Anweisungen zu merken.
Im Laufe
der Jahre ist die Progressive Muskelentspannung methodisch weiterentwickelt
und vereinfacht worden. Als eigenständiges Verfahren konnte sich die
Progressive Muskelentspannung im deutschsprachigen Raum in den letzten 15
Jahren immer mehr durchsetzen – mit der Kassenzulassung 1987 ist sie
in der Bundesrepublik Deutschland zum Bestandteil der psychosomatischen Grundversorgung
in allen Krankenkassen geworden.
Als systematisches Muskelentspannungstraining
fördert die Progressive
Muskelentspannung das Körperbewusstsein. Im Wechsel zwischen Anspannung
und Entspannung werden die jeweiligen Körperzustände bewusst
wahrgenommen mit dem Ziel, aktiv auf das Zusammenspiel von Anspannen und
Loslassen einzuwirken. Beginnende Verspannungen können frühzeitig
wahrgenommen und durch aktive Entspannung gelöst werden.
Die Progressive
Muskelentspannung ist eine effektive vor allem eine leicht erlernbare Methode,
durch die eine körperlich-seelische Wohlspannung
gefördert wird. Sie ist als Kurzentspannung in alltäglichen Situationen
anwendbar und lässt sich wegen der raschen Wirksamkeit gut mit anderen Übungswegen
(z.B. Yoga, Autogenes Training, Zen, MBSR) kombinieren.
Wer die Progressive
Muskelentspannung erlernen will, muss lediglich in der Lage sein:
1. sich
eine bestimmte Zeit auf die Muskeln seines Körpers zu konzentrieren,
2. bestimmte Muskelgruppen systematisch anspannen und lockern zu können.
Darüber hinaus ist es notwendig, die Progressive Muskelentspannung regelmäßig zu üben, damit der Körper lernt, "automatisch" auf Anspannung mit Entspannung zu reagieren.
II. Die Praxis der Progressiven Muskelentspannung – Das Grundverfahren
Die fünf Phasen des Übens
Der wichtigste Aspekt der Progressiven Muskelentspannung ist das Durchlaufen der folgenden fünf Phasen:
1.
Hinspüren
Die übende Person konzentriert sich auf die
jeweilige Muskelgruppe.
2. Anspannen
Auf ein vereinbartes Signal der anleitenden
Person („Anspannen
jetzt“) wird die jeweilige Muskelgruppe angespannt. Die Spannung
soll deutlich spürbar sein, ohne in Verkrampfung überzugehen.
3. Spannung halten
Die Spannung wird etwa 7-10 Sekunden
gehalten und die Aufmerksamkeit bleibt in der jeweiligen Muskelgruppe
4. Loslassen
Auf ein weiteres Signalwort ("Loslassen
jetzt")
wird die Muskelanspannung gelockert.
5. Nachspüren
Die übende Person bleibt mit ihrer
Aufmerksamkeit etwa 30 Sekunden in der betreffenden Muskelgruppe und nimmt
wahr, was dort passiert, ohne dies zu bewerten.
Übungshaltungen
Die Progressive Muskelentspannung kann im Liegen, im Sitzen und im Stehen
durchgeführt werden.
Die liegende Haltung bringt in
der Regel eine tiefere Entspannung und ist deshalb, zumindest in den ersten Übungswochen,
sehr beliebt. Die Übenden liegen in Rückenlage, die Arme und Hände
sind etwa zehn Zentimeter vom Körper entfernt. Die Beine liegen etwas
auseinander, die Zehen fallen locker nach außen.
Für eine bessere Übertragbarkeit
in alltägliche Situationen
empfiehlt es sich, die Progressive Muskelentspannung auch im Sitzen und Stehen zu üben.
Die übende Person ist damit in der Lage, die Progressive Muskelentspannung
in ihren Alltag zu integrieren und kann nahezu überall (am Arbeitsplatz,
im Auto, im Zug, an der Bushaltestelle etc.) Übungssequenzen durchführen.
Übungsabfolge des 17er Schritts
Bei der Durchführung der Progressiven Muskelentspannung im Grundverfahren hat sich das Training von 17 verschiedenen Muskelgruppen bewährt, die in der nachfolgend beschriebenen Art angespannt und gelockert werden:
1. Aktivere Hand und Unterarm
Anweisung: Machen Sie eine
Faust.
2. Aktiverer Oberarm
Anweisung: Drücken Sie den Oberarm
gegen Ihre Unterlage (gegen den Oberkörper)
3. Andere Hand und Unterarm
Anweisung: Machen Sie eine
Faust.
4. Anderer Oberarm
Anweisung: Drücken Sie den Oberarm
gegen Ihre Unterlage (gegen den Oberkörper)
5. Stirn
Anweisung: Ziehen Sie Ihre Augenbrauen hoch.
6. Obere Wangenpartie und Nase
Anweisung: Kneifen Sie
die Augen zusammen und rümpfen Sie die Nase.
7. Untere Wangenpartie und Kiefer
Anweisung: Führen
Sie die Zähne zusammen (Überspannung vermeiden)
und ziehen Sie die Mundwinkel nach außen.
8. Nacken und Hals
Anweisung: Drücken Sie das Kinn
auf die Brust, und verhindern Sie gleichzeitig, dass das Kinn die Brust berührt.
9. Brust, Schultern und obere Rückenpartie
Anweisung:
Führen Sie die Schulterblätter nach hinten zusammen.
10. Bauchmuskulatur
Anweisung: Machen Sie den Bauch fest,
indem Sie ihn nach innen ziehen oder nach außen drücken
11. Gesäß- und Beckenbodenmuskulatur
Anweisung:
Spannen Sie die Gesäß- und Beckenbodenmuskulatur
fest an.
12. Aktiverer Oberschenkel
Anweisung: Drücken Sie
die Kniekehle gegen die Unterlage.
13. Aktiverer Unterschenkel
Anweisung: Ziehen Sie die
Fußspitze nach oben, die Ferse bleibt dabei
am Boden.
14. Aktiverer Fuß
Anweisung: Krallen Sie vorsichtig
die Zehen ein.
15. Anderer Oberschenkel
Anweisung: Drücken Sie die
Kniekehle gegen die Unterlage.
16. Anderer Unterschenkel
Anweisung: Ziehen Sie die Fußspitze
hoch, die Ferse bleibt dabei am Boden.
17. Anderer Fuß
Anweisung: Krallen Sie vorsichtig
die Zehen ein.
Wer die Wirkung der Progressiven Muskelentspannung vertiefen will, kann die Muskelgruppen jeweils zweimal hintereinander anspannen und lockern.
III. Die Kurzformen der Progressiven Muskelentspannung
Wenn die Übenden das Grundverfahren der Progressiven Muskelentspannung in der Langform erlernt haben und dies sicher beherrschen, können in der nachfolgenden Reihenfolge verschiedene Kurzformen eingeübt werden, durch die – mit weniger Zeitaufwand – die gleiche Entspannungstiefe erreicht werden kann.
Progressive Muskelentspannung mit sieben Muskelgruppen
1. Aktivere Hand, Unterarm und Oberarm
2. Andere Hand, Unterarm und Oberarm
3. Stirn, Wangenpartie, Nase und Kiefer
4. Nacken und Hals
5. Brust, Schultern, Rücken, Bauch-, Gesäß-
und Beckenbodenmuskulatur
6. Aktiverer Oberschenkel, Unterschenkel und Fuß
7. Anderer Oberschenkel,
Unterschenkel und Fuß
Progressive Muskelentspannung mit vier Muskelgruppen
1. Beide Hände, Unterarme und Oberarme
2. Gesichts- und Nackenmuskulatur
3. Brust, Schultern, Rücken, Bauch-,
Gesäß- und Beckenbodenmuskulatur
4. Beide Oberschenkel, Unterschenkel
und Füße
Progressive Muskelentspannung mit allen Muskelgruppen
Alle Muskelgruppen werden gleichzeitig angespannt.
IV. Das Vergegenwärtigungsverfahren der Progressiven Muskelentspannung
Das Vergegenwärtigungsverfahren unterscheidet sich vom Grundverfahren
und allen anderen Kurzformen, denn die Übenden müssen keine muskuläre
Anspannung mehr aufbringen. Das Vergegenwärtigungsverfahren funktioniert
jedoch nur, wenn der Körper an die Abläufe gewöhnt ist und
von selbst weiß, wie er die betreffenden Muskelpartien entspannen kann.
Man konzentriert sich auf eine Muskelgruppe und nimmt für einige Augenblicke
die Spannungen wahr, die sich darin befinden. Ohne eine körperliche
Aktivität auszuführen, wird die Spannung dann aus der Muskelgruppe
herausgelassen.
Das Loslassen geschieht dadurch, dass die Übenden sich
an die Gefühle
erinnern, die sie im Grundverfahren und allen anderen Kurzformen spüren
konnten. Ziel dieser Übungsstufe ist es, die Muskeln nicht mehr
aktiv anzuspannen, sondern nur noch mit der Vorstellungskraft zu arbeiten.
Wenn das Vergegenwärtigungsverfahren mit 17 Muskelgruppen gut gelingt,
kann dieses Verfahren auch mit sieben und später mit vier Muskelgruppen
durchgeführt werden.
V. Literatur zur Progressiven Muskelentspannung
Bernstein, Douglas A. / Borkovec, Thomas D.: Entspannungs-Training. Handbuch der progressiven Muskelentspannung. München (Pfeiffer) 9. Auflage 2000 (Erstauflage 1975)
Brenner, Helmut: Progressives Entspannungstraining. München (Humboldt) 1989, leicht verändert Lengerich (Pabst) 2002
Gröninger, Siegfried / Stade-Gröninger, Jutta: Progressive Relaxation. Indikation – Anwendung – Forschung – Honorierung. München (Pfeiffer) 1996
Hamm, Alfons: Progressive Muskelentspannung. In: Vaitl, Dieter / Petermann, Franz (Hrsg.): Handbuch der Entspannungsverfahren. Bd. 1: Grundlagen und Methoden. Weinheim (Beltz) 2. Auflage 2000, S. 245-271 (Erstauflage 1993)
Hofmann, Eberhardt: Progressive Muskelentspannung. Ein Trainingsprogramm. Göttingen (Hogrefe) 2. korrigierte und ergänzte Auflage 2003 (Erstauflage 1999)
Jacobson, Edmund: Entspannung als Therapie. Progressive Relaxation in Theorie und Praxis. Stuttgart (Klett-Cotta) 6. Auflage 2006 (Erstauflage 1990)
Johnen, Wilhelm: Muskelentspannung nach Jacobson. Für Selbstsicherheit und innere Ruhe. München (Gräfe und Unzer), 7. Auflage 2003 (Erstauflage 1995)
Krahmann, Hella / Haag, Gunther: Die Progressive Relaxation in der Krankengymnastik. Ein muskuläres Entspannungsverfahren nach E. Jacobson. München (Pflaum) 2. Auflage 1996 (Erstauflage 1987)
Löhmer, Cornelia / Standhardt, Rüdiger: Die Kunst, im Alltag zu entspannen. Einübung in die Progressive Muskelentspannung. Mit Hör-CD. Stuttgart (Klett-Cotta) 2006, 2. Auflage 2008
Ohm, Dietmar: Endlich frei von Angst und Panik mit der Progressiven Relaxation. Mit Audio CD. Stuttgart (Trias) 2003
Ohm, Dietmar: Stressfrei durch Progressive Relaxation. Mehr Gelassenheit durch Tiefenmuskelentspannung nach Jacobson. Stuttgart (Trias) Neuauflage mit Audio-CD 2003 (Erstauflage 1992)
Ohm, Dietmar: Progressive Relaxation. Tiefmuskelentspannung nach Jacobson. Einführung und Übungen. Kombinationsmöglichkeiten mit dem Autogenen Training. Stuttgart (Trias) 1999 (Erstauflage 1992) (vergriffen)
Olschewski, Adalbert: Progressive Muskelentspannung. Eine Einführung in das Entspannungstraining nach Jacobson. Heidelberg (Karl F. Haug) 3. überarbeitete und erweiterte Auflage 1996 (Erstauflage 1992)
Sammer, Ulrike: Halten und Loslassen. Die Praxis der Progressiven Muskelentspannung. Zürich, Düsseldorf (Walter) 1997 Düsseldorf (Patmos) 2006
Sammer, Ulrike: Entspannung erfolgreich vermitteln. Progressive Muskelentspannung und andere Verfahren. München (Pfeiffer bei Klett-Cotta) 1999, Stuttgart (Klett-Cotta) 2006
Schäfer, Karl-Heinz: Entspannungs-Training nach Jacobson. Das Übungsheft zur Progressiven Relaxation. Leoben (Kneipp-Verlag GmbH) 2005
Wendlandt, Wolfgang: Entspannung. Das umfassende Trainingsbuch. Weinheim, Basel (Beltz) 1992. Nachdruck 2002
VI. Weiterführende Informationen
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